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Der Opernfreund: Eine wirklich starke Produktion

…Tewje, das ist Carsten Andörfer, der so wenig an den dicken, gemütlichen Shmuel Rodensky erinnert, der die Rolle – und es ist eine Rolle! – einst in Deutschland populär machte, aber er gibt dem gutmütigen und zornlustigen, dem humorvollen und verbohrten, dem warmherzigen und weichherzigen Mann ein starkes Profil…

Der Opernfreund - Eine wirklich starke Produktion

Frank Piontek, 31.5. 2015
Bild (c) Theater Hof / SFF Fotodesign


Nicht nur gut als Bösewicht

(Extra Tipp am Sonntag 20.03.2005)
Extra-Tipp im Gespräch mit dem Schauspieler Carsten Andörfer

Auf der Bühne des Theaters Mönchengladbach überzeugt er als Mc Murphy in „Einer flog übers Kuckucksnest“ – eine Rolle, in der Carsten Andörfer seine Vielseitigkeit unter Beweis stellen kann.

Von Werner Hoek

Mönchengladbach
Er ist Schauspieler, Sänger und Regisseur, und er ist gut in dem, was er macht: Carsten Andörfer (41) gehört jetzt seit einem Jahr dem Ensemble der Vereinigten Bühnen Mönchengladbach/Krefeld an. Die Rolle des Milchmanns Tevje in „Anatevka“ hat er glänzend ausgefüllt, und in „Einer flog übers Kuckucksnest“ ist das nicht anders. Hier überzeugt der gebürtige Potsdamer in der Rolle des Randle Mc Murphy, (in jener Rolle also, die Jack Nicholson berühmt machte).
Dass er einmal auf der Bühne stehen würde, dazu in Mönchengladbach, das hätte sich Carsten Andörfer als junger Mensch indes kaum träumen lassen. „Nach der Berufsausbildung mit Abitur, wie es damals in der DDR hieß, habe ich Schlosser gelernt“, blickt Andörfer zurück. Die Arbeit als Schlosser bei den Karl-Marx-Werken – das war nicht gerade das, was einen wie Carsten Andörfer ausfüllen konnte. Doch da gab es ja noch das Arbeitertheater. Die darstellenden Künsten – damit hatte Andörfer schon früher Erfahrung gemacht: In dem Defa-Film „Die Forelle“ bekam der damals zwölfjährige Carsten die Kinderhauptrolle. „Die hatten einen gesucht, der gut meckern kann, denn ich musste einen spielen, der als Zwölfjähriger den Herrn im Hause mimt nachdem der Vater
gestorben ist.“ Zum Casting in den Babelsberger Filmstudios hatte ihn seine Schwester geschickt. 50 Kinder wurden gecastet, Carsten wurde genommen. „Ich selber“, sagt er, „wäre nie auf die Idee gekommen.“
Seine Filmkarriere hatte der junge Carsten zwischenzeitlich aber vergessen – zum Straßenbau wollte er als junger Spund. Denn dort war sein Jugendkumpel Peter Paul, der immer so tolle Geschichten vom Bau erzählen konnte. „Ich wurde aber abgelehnt“, sagt Andörfer mit jungenhaftem Lachen. So wurde er eben Schlosser. Das Arbeitertheater seines Kombinats machte vornehmlich Kabarett, aber auch Klassiker wie Kleists „Zerbrochener Krug“ hatte man im Programm. „In dieser Zeit“, sagt Andörfer zurückblickend, „erfuhr ich, dass man das alles auch studieren kann.“ Die Folge: Von 1985-89 absolvierte der Mann mit den vielen Talenten sein Schauspielstudium in Leipzig und Dresden.
Der Sommer 1989 – das war die Zeit, als sich der „Eiserne Vorhang“ hob. Über Ungarn flüchtete Carsten Andörfer in die Bundesrepublik – und hatte Glück: „Ich bekam gleich ein Engagement am Düsseldorfer Schauspielhaus“, sagt er, der später Weimar und Bremen spielte, bevor er an den Niederrhein zurückkam. Zwischen 1991 und 2001 machte Andörfer mit verschiedenen Regiearbeiten auf sich aufmerksam. Wichtiger aber noch ist ihm die Gründung seiner Band „Flut“ im Jahre 1996. Im August jenes Jahres starb Rio Reiser (,‚König von Deutschland“). Als Hommage an den Frontmann der Band „Ton, Steine, Scherben“ spielte Andörfer mit seinen Bandkollegen ein“ gutes Dutzend Titel von Reiser – allerdings kammermusikalisch aufbereitet. Das Projekt beeindruckte. „Wir zeigten zur Musik Filme über Rio Reiser, auch Rios Brüder hatten wir eingeladen“, berichtet Andörfer. Die Reiser-Familie war angetan von dem, was sie zu hören bekam. Sie lud die Band ein, in Rio Reisers Studio eine CD einzuspielen. „Es war seht berührend, in Rios Studio die Songs aufzunehmen und durch das Fenster direkt auf sein Grab zu kucken“, bekennt Carsten Andörfer. Das Projekt der Band gibt es nach wie vor. An den Vereinigten Bühnen war es bislang aber noch nicht zu sehen. (Eine Gelegenheit also für die Vereinigten Bühnen im Hinblick auf das nächste Theaterfest). „Als Sänger“, hat Carsten Andörfer erkannte „stehst du viel nackter da, das ist anders als beim Theater.“
Schauspiel, Gesang, Regie: Was fasziniert ihn am meisten? „Ab und zu hat man mal Lust über den Tellerrand zu schauen“, sagt Andörfer im Blick auf die Regiearbeit. Die Auseinandersetzung mit der Rolle sei beim Theater auf jeden Fall intensiver als beim Film. „Am Set hast du selten die Möglichkeit, etwas zu probieren.“ Das mag auch an den Rollen liegen. Beim Film ist Andörfer zumeist als Bösewicht gesetzt; beim Theater ist das anders. Da hat er den Tevje gegeben und den Herrn Taschenbier aus dem Sams“, und natürlich den Mc Murphy. Schauspielerische Qualität hat der Mann ohne Frage, aber eben (noch) nicht den Ruf etwa eines Heino Ferch. Das scheint ihn zu wurmen, als er den Vergleich mit Ferch zieht, und Grimm legt sich auf sein Gesicht. So ähnlich muss er damals als Zwölfjähriger beim Casting zur „Forelle“ geschaut haben. Dann aber lacht er herzlich. Und zeigt so sein wahres Gesicht.

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